„Der Kulturinfarktinfarkt“. Mehr Markt als Lösung eines Dilemmas der Kulturpolitik?

Die Erscheinung des Buches „Der Kulturinfarkt“ im Jahr 2012 war eine der seltenen Gelegenheiten, in der ein kulturpolitisches Thema eine breite mediale Aufmerksamkeit fand. In der Folge hat sich zwischen dem Linzer Kulturdirektor Julius Stieber und mir eine längerer Emailwechsel entwickelt. Julius hat seine Position nun freundlicherweise in einem Text zusammengefasst, den ich hier als Gastkommentar vorerst unkommentiert veröffentlichen möchte:

„Der Kulturinfarktinfarkt“. Mehr Markt als Lösung eines Dilemmas der Kulturpolitik?

Julius Stieber

Julius Stieber

2012 erschien ein allseits Aufsehen erregendes und viel diskutiertes Werk, das unter dem reißerischen Titel „Der Kulturinfarkt. Von Allem zu viel und überall das Gleiche“ des Autorenteams Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Dieter Haselbach die staatliche Kulturförderung in Deutschland, aber auch Österreich und der Schweiz polemisch und kritisch unter die Lupe nahm. Die Autoren orten generell ein Zuviel an Kulturangeboten im deutschsprachigen Raum, analysieren die bisherige Praxis der Kulturförderung und bieten zahlreiche Lösungsansätze für eine Neustrukturierung der Kulturlandschaft in den genannten Ländern an. So weit so gut. Im Folgenden nun meine Eindrücke einer verspäteten Lektüre.

Zunächst einmal: Es zahlt sich durchaus aus, sich eingehender mit dem Werk auseinanderzusetzen. Erstens, weil in dem Buch die derzeitige Logik des Kulturestablishments generell in Frage gestellt wird (was prinzipiell erfrischend ist!), und zweitens, weil ein paar richtige Ansätze und Überlegungen darin zu finden sind, die man weiterverfolgen sollte. Im ersten Großkapitel habe ich den Argumenten der Autoren, selbst durchwegs smarte Kulturmanager (wo sind da eigentlich Frauen?), nur schwer folgen können, mit fortschreitender Lektüre ist es mir mit dem Buch deutlich besser gegangen – bis zu dem Punkt, wo konkrete Vorschläge für eine Umstrukturierung der Kulturlandschaft gemacht werden.

Wenn ich es mir einfach machen wollte, könnte ich behaupten, dass die Autoren eifrige Agenten des Neoliberalismus sind und wie alle Neoliberalen an einer Reduktion staatlicher Aufgaben und damit an der Zerstörung des Öffentlichen interessiert sind, um ungehindert ihren eigennützigen Geschäften nachgehen zu können. Wenn ich es zuspitzen wollte, so könnte ich folglich feststellen, dass sie auch im Kulturbereich bedingungslos an die „unsichtbare Hand des Marktes“ glauben. Weiters, dass sie unisono allen Handelnden im Kulturbereich eigennützige Motive unterstellen, ganz im Sinne des derzeit grassierendes Menschenbildes eines „homo oeconomicus“. Dies hat sich aber meiner Ansicht nach gerade durch die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise als obsolet herausgestellt. Ich könnte auch auf zahlreiche Widersprüche in ihrer Argumentation verweisen, was sicherlich zum Teil in der multiplen Autorenschaft begründet liegt, z.B. auf die richtige, wenngleich sehr oberflächliche Analyse, dass „Kultur für alle“ zu maximaler Beliebigkeit geführt hat, die dann aber von denselben Autoren – frei nach dem Allerweltsmotto „Phantasie an die Macht!“ – mit der unglaublich naiven Forderung, jede/r Bürger/in möge in Hinkunft künstlerisch aktiv und dadurch (endlich) ästhetisch mündig werden, konterkariert wird.

Für Österreich würde das bedeuten: Neben einer Konzentration des Kulturangebots auf die beim Publikum immer gut ankommenden Habsburgerstories (inklusive „Sissi“-Musical forever und nicht enden wollenden Großausstellungen zu Glanz und Glorie der k.u.k. Monarchie) wäre das Kunstgeschehen selbst wesentlich von dilettierenden FreizeitmusikerInnen, HobbykünstlerInnen und sonstiger laienkultureller Manifestationen bestimmt. Alles gefördert und gestützt von öffentlichen Geldern, weil es ja eine tatsächlich vorhandene Nachfrage befriedigt. Bei max. 33% öffentlicher Förderung – wie von den Autoren vorgeschlagen – würden zudem alle Kulturinstitutionen, Kulturinitiativen, Kunstprojekte vor ernsthafte Existenzprobleme gestellt. Zudem ist es falsch, was die Autoren allen Ernstes behaupten, dass man die Vergangenheitsorientierung in der Kultur durch einen generellen Rückbau der Kulturförderung in den Griff bekommt. Ganz im Gegenteil: „History sells!“. Und: Gegenwartskunst braucht ein Mehr an Professionalität, und nicht ein Mehr an Dilettantentum.

Ich behaupte daher: Kunst zu machen und KünstlerIn zu sein hat etwas mit Professionalität und Exzelllenz zu tun. Dazu gehört nicht unbedingt eine Ausbildung, wenngleich die auch nicht schadet, vor allem aber viel Erfahrung, harte Arbeit und der Wille zur ernsthaften und mühevollen Auseinandersetzung mit ästhetischen Fragen über das eigene emotionale Befinden hinaus. Würde man außerdem konsequent den Gedanken der Autoren weiterdenken, so müsste man auch die Schulen und Universitäten weitgehend privatisieren. Und jeder, der glaubt, das Zeug dazu zu haben, sollte sich auch gleich als Lehrer oder Uniprofessor bewerben.

Da bin ich natürlich schon mitten drin in der Gegenpolemik. Aber ich will es mir ja nicht so einfach machen. Generell leidet das Buch unter zu viel Behauptungen, die nicht wirklich bewiesen werden (außer mit eine Fülle von beliebigen Zahlen und Zitaten, für die man auch ganz anderes Zahlenmaterial, vor allem differenzierteres, und ganz andere Zitate als Gegenbeweise heranziehen könnte). Die angeführten Zahlen zu den Bibliotheken, Museen und Theatern etc. für Deutschland schrecken mich bei einem 80 Mio. Volk zum Beispiel gar nicht. Da könnte man genauso gut behaupten, dass es zu wenig Bibliotheken, Museen und Theater gibt. Letzteres ist auch ein gutes Beispiel, wie pauschal hier argumentiert wird. Bibliotheken und Theater in einen Topf zu werfen geht einfach nicht! Noch dazu, wo nicht nur in Österreich die Bibliotheken einen nie da gewesenen Zuspruch und Boom erleben. Auch die immer wieder von den Autoren vorgenommene Übertragung der Problemlage im Kulturbereich Deutschlands auf die Schweiz und Österreich ist nicht seriös und entspricht vor allem nicht den Tatsachen. Im Vergleich zu Deutschland haben beispielsweise Österreichs Theater (noch) keine Auslastungsprobleme.

Aber nun zum Mühevollen: Die Autoren haben sicherlich recht, wenn sie behaupten, dass der Kunst- und Kulturmarkt generell überhitzt und überbordend ist. Sie haben weiters recht, wenn sie die Unausgewogenheit der Verteilung der Fördergelder an den Pranger stellen. Institutionelle, sprich öffentliche Kultureinrichtungen bekommen – das ist kein Geheimnis und allen bekannt – den überwiegenden Teil der staatlichen Kulturbudgets. Damit ist allerdings nicht, wie von den Autoren behauptet, automatisch eine reine Orientierung am Vergangenen gegeben. Theater agieren z.B. höchst zeitgenössisch. Auch wenn sich das mehr in zeitgenössischen Inszenierungsformen und Interpretationen von so genannten Klassikern als in der Aufführung von Zeitgenossen widerspiegelt. Die im Buch durchgehend wahrnehmbare Ablehnung gegenüber allem Historischen gründet meiner Meinung nach überhaupt auf grober Unkenntnis. Friedrich Schiller einfach als vormodern abzutun zeugt nicht gerade von einer intensiven Befassung mit diesem Schriftsteller und Kunsttheoretiker, den man mit Fug und Recht eher als Wegbereiter der Moderne bezeichnen sollte. Dann klingt das schon ganz anders! Und was die unterstellte Beliebigkeit des Kunstgeschehens betrifft, so kann man dies weniger einer „Kultur für alle“ anlasten als einem generellen Zeitphänomen und einer generellen gesellschaftlichen Entwicklung, die prinzipiell alle Lebensentwürfe und -äußerungen als gleichrangig betrachtet (und damit wird ja auch viel Geld gescheffelt!). Aber das wollen wir ja so (und auch die Autoren sprechen sich ja dafür aus). Von einer Stagnation in der Kunstszene Europas zu sprechen, ist gelinde gesagt eine unverschämte und durch nichts bewiesene Behauptung. Ich denke, dass wir – ganz im Gegenteil – in einem goldenen Zeitalter leben, das auch in Kunstbelangen in der Nachschau einmal als solches betrachtet werden wird. Das behaupte ich mal einfach so (geht ja!).

Aber es stimmt schon: Vieles an Kunst ist für das breite Publikum unverständlich, nicht lustvoll nachvollziehbar und bedarf der aufwendigen Vermittlung. Nur wer sagt, dass Kunst allgemein nachvollziehbar sein muss? In der Wissenschaft ist das kein Qualitätsmerkmal und wir leisten sie uns trotzdem in dieser Form, um geistiger Stagnation vorzubeugen und letztlich auch unseren Wohlstand abzusichern.

Und dann wäre da noch das Missverständnis mit dem alles Heil und Erlösung bringenden Internet: der Digitalisierung. Das ist für die Autoren offensichtlich ein (Königs-)Ausweg aus dem Dilemma der mangelnden Partizipation am Kunstgeschehen. Soweit ich die eher oberflächlichen Bemerkungen der Autoren dazu einschätzen kann, ist Digitalisierung bei ihnen vornehmlich ein Synonym für offene Märkte und eine weitere Demontage des Staates. Digitalisierung reimt sich hier durchaus gut auf Neoliberalismus. Das ist jetzt sehr verkürzt und polemisch gesagt, aber ich darf ja Waffengleichheit in der Argumentationsweise beanspruchen und nehme mir das jetzt einfach heraus.

Aber zurück zum Ausgangspunkt. Nehmen wir das Buch in seiner Grundaussage einer notwendigen Neustrukturierung der Kulturförderung ernst, so wäre zunächst einmal ganz nüchtern, ohne staatliche Förderetats gleich zu kürzen, eine Bestandsaufnahme notwendig, auf was wir in Hinkunft verzichten können, wo es Überkapazitäten gibt und welchem Kunstauftrag wir uns verpflichten wollen. Dazu bräuchte es mutige Politiker und eine ehrliche Diskussion, die nicht zu Lasten des Ansehens der Kunst geht. An Letzterem zweifle ich. Aber für eine Ressourcendiskussion und Umstrukturierung zugunsten der minder Bedachten bin ich allemal zu haben. Nicht alles muss gefördert werden, was Förderung beansprucht. Aber ein so weit gehender Rückzug des Staates aus der Kulturförderung, wie von den Autoren empfohlen, hätte meiner Meinung nach fatale negative Folgen für das künstlerische Schaffen, wie es Europa in Jahrhunderten auf ganz spezifische Weise hervorgebracht hat. Wenn das kein Wert ist, mit dem sich auch handeln ließe, dann heiße ich Hase.

Julius Stieber

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